Reisetagebuch Bretagne
Sa, September 6, 2008 at 17:20 |
Mikkael Liebe Karin,
heute haben wir Carnac besucht. Carnac findest du im Departement Morbihan. Dort gibt es eine Megalithen-Allee. Aber die will erst einmal gefunden werden. Denk’ ja nicht, dass das so einfach ist. Eine fremde Gegend, man konzentriert sich auf Ortsnamen, auf die Straßen und schon bist du an den Steinreihen vorbeigefahren. Ich hatte sie gerade noch aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Also wenden, zurück ging’s. Dann sahen wir die behauenen Granitblöcke zwischen Stechginster und Heideflächen. Wie ein Regiment Soldaten standen sie in Reihe und Glied, insgesamt rund dreitausend Megalithen in einer Länge von ungefähr 1,5 Kilometern.
Liebe Karin, man erzählt sich eine hübsche Legende darüber, die ich dir nicht vorenthalten möchte. Der Sage nach sollte ein Pfarrer der Kirche, die dem heiligen Cornelius geweiht war, Nachfolger von Petrus in Rom werden. Dort weigerte er sich dem Mars Opfer darzubringen. Deshalb musste er ganz schnell fliehen und suchte in der Bretagne Schutz. Der römische Kaiser schickte seine Armee aus, um den Widerspenstigen zu fangen. Als der Priester die Armee kommen sah, warf er sich zu Boden, flehte zu Gott, dass der ihn helfen möge. Und Gott erhörte ihn. Die Armee wurde in Steine verwandelt. Ist das nicht eine schöne Legende? Wer würde sich nicht heutzutage auch so ein Wunder wünschen? Unsere Welt wäre friedlicher.
Bis heute liegt die wahre Bedeutung dieser Steine im Dunklen. Deshalb können wir trefflich über die Megalithen spekulieren. Vielleicht sind es Gottesfinger oder auch Teufelszähne? Das liegt im Auge des Betrachters. Die Bretonen verehren sie immer noch. Sie sind in ihren Augen Kultobjekte, vergleichbar mit Stonehenge. Junge Frauen pilgern zu den Megalithen und bitten um Kindersegen. Gottesfinger oder Teufelszähne? Karin, wenn ich manche Kinder sehe, könnte die Waage eher zu Gunsten der Teufelszähne ausschlagen.
Jetzt muss ich dir noch etwas ganz Besonderes berichten. Am Anfang der Megalithenallee steht ein Gebäude, welches den Steinen gewidmet ist. Das Archeoscope.
Du musst vorher wissen, dass Franzosen einen Hang zum Theatralischen haben. Der melodische Klang ihrer Sprache ist zum Gestalten wunderbar geeignet. Museen müssen inszeniert, Inhalte zelebriert werden.
Im Eingangsbereich des Archeoscope findest du Dokumente und Erklärungsversuche über Herkunft und Bedeutung der Megalithen. Im ersten Stock begann nun das Abenteuer. Wir standen in einem Raum, ähnlich einem Amphitheater, setzten uns auf die schlichten Holzbänke. Dann ging das Licht aus. Es war stockdunkel. Eine alles durchdringende Finsternis breitete sich aus. Die Sitzreihen bewegten sich. Mein Gefühl sagte mir, wir fuhren nach unten. Ich sah nichts. Panik kroch langsam vom Bauch über das Herz in den Kopf. Ich bekam kaum Luft, hörte mein Herz hämmern. Es pupperte laut, als ob eine Pauke geschlagen werden würde. Meine Hände krallten sich an meinen Mann, der Ruhepunkt für mich sein musste. Ich war nur noch ein Angstbündel und versuchte meinen Atem in den Griff zu bekommen. Langsam einatmen, tief ausatmen! Dann öffnete sich ein kleines Filmfenster, schwarz-weiß. Ich sah Kinder, die auf Steinen hüpften, sprangen und traten. Sie kreischten entsetzlich, mir schien der Kopf zu platzen. Ich hatte mich immer noch nicht beruhigt. Dann war plötzlich alles still. Ein spärliches Licht flammte auf. Ich entspannte mich, atmete auf, war im Weltraum, ein Stern unter vielen Sternen. Ein Lichtkegel zeigte einen großen Megalithen. Ich stieg herab auf die Erde. Eine Stimme deklamierte in Französisch irgend etwas feierliches, Ernstes.
Findest du französisch auch so melodisch? Einerseits ist Französisch für mich Klangrausch, verbindet sich mit Chansons. Ich denke dabei an die unvergleichliche Edith Piaf, an ihr »Je ne regrette rien«. Ich denke an die schmeichelnde und warme Stimme von Ives Montand mit seine »Les feuilles mortes« oder an das rauchige schmelzende Timbre einer Juillette Greco. Das ist für mich Musik. Andererseits kann französisch auch furchtbar nervig, laut plappernd und gar nicht melodisch daher kommen, so als ob eine Herde Waschweiber über dich herfallen wollten.
Im Archeoscope konnte man der Stimme genussvoll zuhören. Sie erzählte uns von einem sagenhaften Volk, wahrscheinlich aus der Jungsteinzeit. Es tauchte kurz in der Geschichte auf und verschwand wieder in ihr, hinterließ uns nichts, nur ihre geheimnisvollen und rätselhaften Megalithen. Die größten sind vier Meter hoch und heißen Menhire. Menhir ist ein bretonisches Wort und komme von »ar-men-hir«, langer Stein. Gottesfinger oder Teufelszähne? Ich komme immer wieder auf das Bild zurück. Beantworte dir diese Frage selbst, liebe Karin. Dieser Ort hatte einen tiefen Eindruck in uns hinterlassen.
Ich wünsche dir einen schönen Tag.
Bis Bald.



Reader Comments